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  'Scham ist die Hüterin der Menschenwürde' (Leon Wurmser)
   

 

Menschenwürde und Scham ist ein Thema für die Schule und für alle, die mit Menschen arbeiten.

Scham ist eine sehr schmerzhafte, oft 'unsichtbare' Emotion, die in jeder Arbeit mit Menschen akut werden kann, beispielsweise in Medizin und Altenarbeit: bei der Pflege intimer Körperregionen oder wenn hilfsbedürftige Menschen sich ihrer Schwäche, Bedürftigkeit oder des Verlusts von Körperkontrolle schämen. In der sozialen Arbeit: wenn Menschen sich ihrer Arbeitslosigkeit oder Armut schämen. In der psychologischen Beratung oder Therapie: wenn Klienten sich ihrer psychischen Probleme schämen oder dafür, dass sie missbraucht wurden.
Unbewusste Schamgefühle können leicht in Depression, Trotz oder Wut umschlagen. Weil sie so schwer erträglich sind, werden sie häufig abgewehrt: etwa indem Hilfsangebote brüsk abgelehnt werden, indem eine Krankheit geleugnet oder eine peinliche Untersuchung hinausgezögert wird. Daher ist es für alle, die mit Menschen arbeiten, wichtig, Scham und ihre Abwehr zu erkennen, um konstruktiv mit ihnen umgehen zu können.
Verletzbare und intime Bereiche eines anderen Lebens zu berühren ist auch eine persönliche Herausforderung, weil die eigene Scham-Geschichte dabei geweckt werden kann. Schwierig wird dies, wenn die Anerkennung für diese Arbeit (z.B. aufgrund der beruflichen Strukturen) ausbleiben.

Scham und Menschenwürde ist auch ein Thema für die Schule: Jedes Lernen kann Scham auslösen, z.B. wenn ein Schüler eine falsche Antwort gegeben hat. Diese Scham kann konstruktiv werden, wenn sie den Schüler anspornt, sich mehr anzustrengen, noch mehr zu üben. Sie kann jedoch Lernblockaden auslösen, wenn der Schüler wegen seines Fehlers bloßgestellt oder ausgelacht wird. Diese Gefahr besteht umso mehr bei Kindern oder Jugendlichen, die bereits mit pathologischer Scham in die Schule kommen, etwa weil sie entwürdigt, geschlagen oder missbraucht wurden. Dadurch kann ihr Selbstwertgefühl beschädigt werden mit der Folge, dass sie sich innerlich vom Unterricht verabschieden oder in (selbst)destruktive Verhaltensweisen wie Depression, Sucht, Mobbing oder Gewalt (im Extremfall: Amokläufe) flüchten.
Ein achtsamer Umgang mit Scham und ein nichtbeschämendes, respektvolles Verhalten sind daher Voraussetzungen für gelingenden Unterricht und eine Prophylaxe gegen Sucht und antisoziales Verhalten. Dies ist eine besondere Herausforderung für Lehrer in Deutschland, werden diese doch häufig – wie kaum eine andere Berufsgruppe – öffentlich beschämt.

Menschenwürde ist oberstes Prinzip des deutschen Grundgesetzes. Gleich Artikel 1, Absatz 1, lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dies hat zur Konsequenz, dass Staatsbedienstete Menschenwürde zum obersten Prinzip ihres Handelns machen und entsprechend geschult werden müssen. Kundenfreundlichkeit-Trainings reichen hierzu nicht aus: denn Menschen-würdigendes Verhalten ist etwas anders als Kundenfreundlichkeit (zumal Bürger keine Kunden des Staates sind).